Samstag, 16. Januar 2010

Ein Tag

Falls sie dachten, wir hätten ein beschauliches, ruhiges Leben, ich habe hier den Versuch eines Gegenspruchs. Erwachsene und Kinder…das passt nicht so recht zusammen. Der Generationenkonflikt beginnt vom ersten Tage an! Glauben sie mir, ich weiß wovon ich spreche! Meist ist es chaotisch, aufregend. Das Herzinfarkt- Risiko schnellt mehrmals am Tag ins unermessliche, wenn man schon wenigstens nur einen Racker hat. Es gibt da manchmal Tage, da möchten sie schon gleich nach der ersten halben Stunde nach dem erwachen und aufstehen, sofort wieder unter der Bettdecke verschwinden und erst in der nächsten Woche wieder raus kommen.. Besser noch: gar nicht aufstehen.

Kennen sie Situationen in denen es (bei uns so genannt, bei anderen Menschen auch Trotzanfälle genannt) Meinungsverschiedenheiten gibt? In denen alles plötzlich und unerwartet aus dem Ruder läuft? Eine Situation jagt die nächste, also die katastrophale Situation natürlich.

Auch bei uns brechen diese Tage dann und wann über unseren Köpfen herein und wir müssen dann 24 Stunden sehr standhaft und vor allem tapfer sein.

Die Befürchtung meinerseits, es wird wohl auch nie so ganz vorbei sein.


Am morgen öffnet man die Augen. Ah, das Kindchen schlummert noch. Wie günstig, denk man sich und pellt sich ganz leise aus dem Bett, um diesen Ruhezustand zu bewahren, denn 5 Minuten allein sein auf dem Klo hat schon was. Und später beim ersten Kaffee wären noch mal 300 stille Sekunden wirklich ganz fantastisch.

Auf dem Bett sitzend, nach den Hausschuhen hangelnd…

…immer noch suchend,… noch hangelnd…

Scheiße, gestern Abend doch im Bad stehen lassen.

Vor Kälte zusammengekrümmt, der ganze Körper und natürlich auch die Zehen, auf deren Spitzen ganz leise Richtung Tür schleichend.

In der nächsten Sekunde ist ein lauer Schrei zu vernehmen, das Kind schlägt die Augen auf, kichert. Man selber hockt am Boden, hält sich den Fuß, der eben Bekanntschaft mit den Murmeln und Perlen vom vorabendlichen fädeln gemacht hat.

Nach dem Morgenritual-geknutsche, DAS anziehen. Der Weg des Arms durch das Hemd endet im mittigen Kopfloch, der rechte Fuß wandert in die linke Strumpfhosenseite, der Pullover bleibt an den Ohren hängen, die Hose rutscht. Das Kind wehrt sich, will nicht mehr mitmachen. Ach ist das schön…die zeit läuft. Vor dem Zähneputzen brüllt das Kind die Kunde, sie wolle „aaaleiiineeee“ die Zahnpaster hoch machen. Vor allem „gannnz viiiiel!!“.

Beim anschließenden Zahnpaster bestreichen der Zahnbürste darf der Teppich auch mal kosten. Man beißt sich auf die Lippe, ja tatsächlich ganze 24 Stunden durfte er sauber im Bad liegen.


Während des späteren anziehens der Wintersachen verabschiedet sich der Schnürsenkel beim zusammenbinden. Beim öffnen der Tür dicke, fette Krokodilestränen, das Kind wollte doch die Tür aufmachen! „Alleiiiine!“ Die Tür muss wieder geschlossen werden, damit sie sie nun öffnen kann. Sie strahlt kurz, schaut dann dramatisch a’la „Siehste, so will ich das haben!“ in meine Richtung. Im Treppenflur gibt es die nächste Ansage, das Kind gehe alleine , auch ohne anfassen die Treppen hinab, als sie kurz strauchelt, ihr geholfen wird, gebrülle

( „aleiiiine!!!“) , und unten vor der Haustür ist klar, die Handschuh liegen selbstverständlich noch oben auf der Komode. Während dem Kind nach dem Spurt die eben noch Fehlenden angezogen werden, versucht ihr Herz (ja wirklich ihrs, nicht das Kind und der Kosename) von 220 zu 220 auf 120 zu 80 zurückzupumpen.


Auf dem Weg zur Kita schlängelt man das Kindchen an allen Hundscheißhaufen vorbei, um dann auf dem Rückweg selbst in einen schönen großen reinzulatschen.

Der Kaffee zur Belohung für die ersten anderthalb überstandenen Stunden dieses Tages wird in einem Zuge, schnell und kräftig gelehrt, indem er vom rechten Handgelenk angestoßen und somit umkippt wird, so das die Brühe sich rasend schnell über den Tisch ergießt. Natürlich auch auf den Boden tropft.

Ja selbstverständlich….

es war türkisch Kaffee. Die tausend kleinen Kaffeekörnchen können somit heute ihre Geschwister in den Dielenritzen vom letzten mal „Kaffeetrinken“ begrüßen.

Ein Gang in die Küche den Lappen holen, aufwischen, Irgendwie klebt es jetzt überall.

Ahh… am Hausschuh war noch was, naja, es sollte ja heute eh noch gewischt werden.

Warum nicht jetzt?


In ganz passablem rosa glänzt es später auf der Leine, beim ansetzen der weißen Kochwäsche…wo kam bloß diese rote Socke her?

Beim Wasserkochen verbrüht man sich am linken Arm, der Reis purzelt aus der Tüte,

ja aber nicht aus dem Loch oben in den Topf, sondern aus einem unbekannten,

unten, am den Boden.

Mit Handfeger und Kehrschippe wird der Schaden ganz schnell beseitigt, um dann beim abkippen in den Mülleimer das ach viel zu kleine Loch dann doch nicht zu treffen und den ganzen Schmus noch einmal ordentlich daneben zu kippen.

Spätestens jetzt möchte man laut brüllend etwas werfen oder treten.

Das allerdings geht ja gar nicht, wo bleibt die Vorbildfunktion?


Nach dem kindlichen Mittagschlaf ist für den Zwischensnack schon alles vorbereitet.

Sarah mag eine Banane, Mama greift eine, streift die Schale in 4 langen, gelben

Schlangen ab und gibt ihr eine Geschälte.

Die Welt geht somit augenblicklich unter! Sarah brüllt augenblicklich los,

sie wollte die Banane selber schälen. Sie springt vom Stuhl, schreit und kreischt,

wirft sich (fast) zu Boden. Zum Schluss dicke fette Tränen. Die Banane haltende Person

weiß nicht wie ihr geschieht und wechselt die Gesichtsfarbe im schnellen weiß, rot hin und her.

Schwitzen und frieren im wechsel.

Tja!! Nun will sie gar keine Banane mehr, weder mit noch ohne Schale.

Durch nichts ist dieser Fehler von eben wieder gut zu machen. Da helfen auch nicht

die kleine Zahnstocher, die die Bananenschale Minuten später oben zusammenhalten

und wieder wie neu aussehen lassen.

Das schlechte Gewissen plagt, man habe das Kindchen völlig unglücklich gemacht.

Wie konnte man nur?!

„Alleiiiiine“ war nicht möglich, somit ist für Mama und die Banane der Zug abgefahren!


Durchdrehen und ruhig bleiben sollte man ebenfalls, wenn die handwerklichen Fähigkeiten,

und deren Ansichten darüber, von Kindern und großen Menschen auseinander gehen.

Denn als Sarah wenig später mit dem Schraubenzieher die Löcher im

Stuhl vergrößert oder sich durch die Rillen im Parket hackt, dann macht sie das nur,

weil sie den einen Tag doch ganz genau gesehen hat, dass Mama mit dem

Schraubenzieher den Tisch reparierte.

Wo bleibt der Dank, wenn nach dem Hammer gegriffen wird, um die Lampe zu reparieren?

Schließlich hat das Kind genau zugesehen, wie neulich die Gardinenleiste von ihnen

selber mit einem gezielten Schlag repariert wurde. Wo genau soll da der Unterschied sein?

Erklären sie mal, genau und verständlich. Kurz und knapp!

Ach, und waren das noch nette Zeiten, als das Kindchen zum Pflanzenzerstäuber

griff und „pffft“ die Fensterscheiben besprühte. Und „pffft“ die Wand durchnässte….

Schnell lernte es, dass es Orte gibt, da wird kein “pffft“ geduldet.

Ausgerechnet heute, an so einem unspektakulären Tag, wird die neuste Grenze

ausgekundschaftet und abgesteckt, denn wenig später wird der Lampenschirm

und die Couch attackiert. „Pffft, pffft“ und gleich noch mal.

Man könnte entspannt bleiben, es ist ja nur Wasser. Allerdings ist ein

durchgeweichtes Erwachsenengesicht nicht so einfach hinzunehmen.

Somit kommt die Flasche aus den kleinen Händen in die großen und

nochmals neue Grenzen erklärt. Großes Gejammer. Gejaule.

Böse Blicke. Dramatische Augenbrauen.

Dazwischen immer ein Hauch der Verzweiflung.

Versöhnung zwischen Cowboys und Indianern ausgeschlossen.


Als es Richtung Abend und essen geht, wird erstmal aufgeräumt.

Scherenschnitte-Schnipsel, Stempel, Blätter, Knete, Knete, Knete, Knet, Kne, Kn, K…..

Bei aussprechen des vier monatigen Kneteverbotes entrüstete Schreie des kleinen Dingends,

dann klaubt sie alles was sie an rosa und blauer Knetmasse greifen und kriegen kann an

, ja an ihrem Bauch und dem neuen Pullover zusammen und versteckt den Batzen

anschließend in den Ritzen des neuen Sofas. „Maaaineee!“


Und dann, als Mittel zum Zweck,

„Warum soll ich die Spielsachen aufräumen? Das war ich nicht!

Ich hab das nicht da hin geworfen….“ Das wäre ein gewisser Max gewesen,

den hier allerdings niemand kennt. Ich schon gar nicht.

Während das Kindchen aufräumt (Die Schublade der Stifte geht nach dem ablegen

von 4 Stück bunter Mal- Stängel nicht richtig zu, somit wird diese vor

lauter Wut komplett über den gesamten Boden ausgeleert, um dann die

hundert Stifte einzusortieren.) suche ich diesen Max,

denn ein Kind reicht im Haushalt.

Fremde werden hier nicht durchgefüttert, schon gar nicht ungefragt.


Beim Abendessen mit schön gedecktem Tischchen, Teekännchen und Kerzen,

begrüßt erst der umgefallene Trinkbecher den Tisch, dann Decke und Fußboden.

Später tun es ihm Kartoffelbrei und Erdbeerquark gleich nach. Dazwischen immer

ordentliches Gezeter, ja, selbstverständlich von beiden Tischseiten!

Aber auch immer wieder ein militärisches „Aleiiine!“, dem ein sanftes „Bitte Helfen“

gleich folgt. Dazwischen ein kontraproduktives „Du nicht!!!!!“.

Das Kind muss doch noch hunger haben, denn es ist mehr Essen auf und unter dem Tisch

(von der Kleidung fange ich gar nicht erst an) als wohl in ihrem Bauch angekommen sein könnte.

Beim aufwischen am Boden schlagen sie sich gehörig den Kopf ein und bleiben

unterm Tisch liegen. Weinen und wimmern ganz leise in sich hinein.


Ja, ja, das kann ich ihnen sagen. Pausen gibt es mit dem Beginn der Geburt eines Kindes nicht.

Wohl nie wieder! Da bin zumindest ich mir mittlerweile ziemlich sicher.

Wäre eine Pause dran, passiert etwas (Un)-Vorhergesehenes, gibt es eine Veränderung,

und sie fällt einfach so aus.

Da die kleinen Racker ja wachsen wie die blöden muss der Sachenschrank alle

4 Wochen durchsortiert werden. (Naja, Knickebocker und Hochwasserhosen bei

minus 18°C kommen nicht so gut an im Kindergarten, beim Jugendamt wohl auch nicht.)

Ein weiterer Nachteil des Wachsens ist auch, dass man den halben Tag damit zu tun hat,

größere Kleidung und vor allem Unmengen an Nahrungsmittel ranschaffen und ranbuckeln muss.

Dazu kommt, „Die“ werden ja auch immer schlauer, ständig müssen neue

Regeln und Schlupflöcher gesucht werden, um nicht gänzlich im Chaos zu enden.

Bücher und Zeitungen werden nach Rettungs- und Hilfsangeboten für Eltern durchsucht.


Und ist es wirklich zu fassen? Intelligenter werden „Die“ auch noch, andauernd muss man

das Spielzeug und die Bücher austauschen, neu kaufen und aufstocken.

Und ein „Nein“ wird längst nicht mehr so einfach hingenommen und kommentarlos akzeptiert

wie noch vor einem halben (ach so wunderbaren) Jahr.

Jetzt müssen sie selber nämlich auch das tun was sie sonst vom Sonnenschein

verlangen in solchen Situationen. Da schaut man dem Kindchen schon mal

ganz ängstlich in die Augen, nach einem zackigen

„ Mama ich spräche mit dir! Gugg mich bitte an! Daß is sonst unööfflichst!!!“

Ein „Warum“ und „deine Begründung“ können nachts um vier ganz schön derbe

auf den Muttermagen schlagen.

Das können sie aber wissen, man!


Die nächste Veränderung steht auch bei uns gleich wieder ins Haus.

Denn hingegen aller Bekundungen und mitfühlender Sorgen (die wir ja eh zum lachen finden…),

das Kind trüge noch Windelhosen zum schlafen….,

stand sie seit Nächten vorm mütterlichen Bett, mehrmals wohlgemerkt,

und bat um Begleitung zum Klo, wegen der Dunkelheit.

Somit fallen die angefangenen durchschlafenden Nächte

(Hatten wir jetzt einen Zählerstand von 9) wieder weg und werden durch ein

„Wir spazieren mal beide lustig zum Klo durch die Eiseskälte und wieder zurück

und loben natürlich noch ganz doll, damit sie die nächste Nacht auch wieder auf

der Matte steht, zum nächsten Pinkelgang.


Können sie nicht verstehen?

Na dann sollten sie mal diese dramatischen Blicke sehen des Nächtens!

Ach kennen sie?

Dann sind sie wohl Max!?

4 Kommentare:

canim hat gesagt…

SUPER!!!

Jane hat gesagt…

...also wie eure ganze Seite hier..,heute aber wieder mit Sahnehäupchen-sehr schick!!!und so richtig 120% aus dem Leben...das sollten sich mal so manche Menschen zu gemüte ziehen,die den für sich unkompliziertesten Weg gewählt haben...und trotzdem sind die kleenen Hasen das schönste im Leben!!!

die süßen hat gesagt…

@canim und Jane:
Danke, danke, danke!

tante mindy hat gesagt…

ha ha ha ich kenn den MAX... so ist das wenn man die gleiche Erziehung genossen hat :) Der Max macht mit! Der Max macht mit!!! ha ha ha